*
*

Kontaktseite Presse-Kontakt E-Mail schicken Impressum

Leseprobe Pendel/ Dämmerung




1 Susan

Plötzlich sah ich ein mächtiges Tor, schwarz wie Ebenholz, vor mir. Aus seiner Mitte leuchtete mir so etwas wie ein großes Herz aus Gold entgegen. Seine schlanke spitze Form erinnerte mich sofort an das Pendel.Nach und nach veränderte es seine Farbe, wurde zuerst dunkelrot, dann feuerrot und begann ganz unverhofft zu pulsieren wie ein echtes, lebendiges Herz.
Unversehens drehte es sich mit der Spitze nach oben und verwandelte sich in eine lodernde heiße Flamme, die das schwere Tor wie Pech zum Schmelzen brachte und mir, völlig überraschend, einen fantastischen Blick in eine andere Welt, eine lichterfüllte traumartige Landschaft eröffnete, die mir fast den Atem raubte. ...

„O Wunder! Ein Garten inmitten von Flammen.
Mein Herz ist fähig zu jeder Form:
Es ist eine Weide für Gazellen
und ein Kloster für christliche Mönche,
ein Tempel für Götter und des Pilgers Kaaba,
die Tafeln der Thora und das Buch des Korans.
Ich folge der Religion der Liebe,
welchen Weg auch immer die Kamele der Liebe einschlagen.
Das ist meine Religion und mein Glaube!“


2 Ibn Arabi

Mein Blick blieb auf den Zeilen am Bildschirm haften: „Ein Garten inmitten von Flammen. Mein Herz ist fähig zu jeder Form ... welchen Weg auch immer die Kamele der Liebe einschlagen ...“ Meine eigenen Visionen, die „Das kosmische Feuer“ ausgelöst hatte, loderten noch einmal in mir auf: das Herz, die Flamme, das fremde, vertraute Land, die Karawane am Horizont. War Muhyiddin Ibn Arabi also doch der Urheber des Gedichts? Je mehr ich mich auf seine Worte einließ, desto deutlicher fühlte ich, dass sie Schlüssel zu einem Geheimnis waren, das die Finsternis aus den Herzen der Menschen zu verdrängen vermochte. ...

„Warum sind Sie hier? Was wollen Sie von mir?“ Mohammed schaute mir mit inquisitorischem Blick in die Augen. Ich zögerte einen Moment. „Ich suche einen Text, ein Gedicht von Arabi dem Zweiten“, gab ich schließlich stotternd zur Antwort.
„Arabi der Zweite? Sie auch?“ Er schüttelte den Kopf. „Alle scheinen hinter ihm her zu sein!“Ich starrte ihn an. „Was meinen Sie? Wer ist hinter wem her?“
„Zwei Männer in schwarzen Anzügen. Sie haben ein Schriftstück mit dem Titel ‚Das kosmische Feuer‘ von einem Ibn Arabi dem Zweiten gesucht. Beängstigende Gestalten! ... Eine düstere, eisige Aura umgab sie. Ich fröstelte in ihrer Gegenwart und wusste sofort, dass sie etwas Geheimnisvolles und Mächtiges suchten. Und ich dachte gleich an Sie und an das Pendel! Dann erkundigten sie sich auch noch nach einem gewissen ‚Bertrand‘. Haben Sie diesen Namen nicht erwähnt, als Sie mit dem Pendel hier waren? Hat nicht dieser Bertrand Ihnen das Pendel geschenkt?“
Ich erschrak. Bertrand! Diese finsteren Gestalten waren offenbar hinter Bertrand her und natürlich hinter dem Pendel. Und anscheinend wussten sie um die Bedeutung des „Kosmischen Feuers“! Mohammed schaute mich durchdringend an, so als suchte er mehr als nur eine Antwort. ...


20 Schatten über Gujarat

... Ich erinnerte mich genau an jenes eigenartige oder beklemmende Gefühl, das ich empfand, als Hanuman in der Gestalt von Shaktiananda in meinem Traum auftauchte. Es wollte mich warnen, genauso wie der abstoßende Geruch damals in meiner Firma, wo die beiden schwarz gekleideten Männer aufgetaucht waren. Doch diesmal hatte ich leider nicht genügend darauf geachtet, sondern nur auf das, was ich hören oder glauben wollte: "Da ist jemand, der dich von deinen Problemen, von deiner ungeliebten Verantwortung für das Pendel entbinden wird." Wie verführerisch diese Aussicht doch war! Und ich war prompt darauf hereingefallen. Ja, ich musste vorsichtig und achtsam sein, um solchen Verlockungen zu widerstehen und nicht noch einmal in ihre Falle zu tappen.

Shaktiananda hatte seine Augen geschlossen. Reglos saß er da, ganz in sich selbst versunken, während ich mir den Kopf darüber zerbrach, wie ich mich und das Pendel befreien oder zumindest in Sicherheit bringen konnte. Aber es wollte mir nichts Überzeugendes einfallen. Nach einer Weile öffnete er die Augen und schaute mich mit einem Lächeln und gelösten Gesichtsausdruck an.

"Es gibt da vielleicht jemanden, der uns helfen könnte. Hier in Bombay leben viele Parsen. Sie verehren Ahura Mazda und seinen Propheten, Zarathustra, von denen der himmlische Stein in deinem Pendel stammt. Kürzlich habe ich einen ihrer Priester kennengelernt und mich mit ihm über seinen Glauben unterhalten. Er lud mich ein, ihn bei Gelegenheit zu besuchen. Womöglich weiß er über das Pendel Bescheid oder wie der Feuerstein befreit werden könnte."

Ich war verblüfft. Natürlich! Warum hatte ich nicht schon früher daran gedacht? Jetzt erinnerte ich mich wieder an Mohammed, der bei unserer ersten Begegnung von den Zoroastriern sprach, die nach Indien geflohen waren und vielleicht das Pendel mitgenommen hatten. Wie es Mohammed wohl ging? War er wieder gesund oder womöglich seinen Verletzungen erlegen? Ich sah ihn wieder vor mir im Spitalbett liegen und wie er mir die Übersetzung des "Kosmischen Feuers" zu lesen gab. Das kosmische Feuer! Ich hatte Shaktiananda noch gar nichts davon erzählt. ... Ich nahm das Pendel aus meiner Hosentasche und zeigte auf ein paar Zeichen, die darauf eingeritzt waren. "Mohammed konnte diese Schrift nicht lesen", erklärte ich. "Aber er vermutete, es könnte Parsisch sein und aus jener Zeit stammen, als die Zoroastrier ihre Heimat verließen und nach Indien auswanderten." Shaktiananda betrachtete die Gravuren ...


23 Der Dastur und die Sieben des Lichts

... Als ich das Wohnzimmer des Priesters betrat, sah ich neben Shaktiananda einen alten Mann mit einem schneeweißen wolligen Bart, einem langen weißen Leinenkleid und einem ebenso strahlend weißen, aber sehr schlichten Turban oder Tuch über der Stirn. Das musste der Dastur, einer der Hohepriester, sein. Er begrüßte mich mit einem Nicken, lächelnd und ernst zugleich. Schweigend schaute er mich an, machte dann die Augen zu, ohne seine Aufmerksamkeit wie mir schien von mir abzuwenden. Schließlich nickte er wieder, öffnete die Augen und bat mich, das Pendel sehen zu dürfen. Ich überreichte es ihm. Er setzte eine Brille auf und betrachtete es genau, wobei seine Lippen lautlos die Worte formten, die auf dem Pendel standen. Der Hohepriester schloss erneut die Augen. Dann saß er reglos da, mehrere Minuten lang.

„Wenn das neue Zeitalter anbricht“, brach er schließlich sein Schweigen, „wird einer kommen, der das Helle und das Dunkle mit sich bringt. Er wird aus seinem Schatten treten und die Kraft des Feuers enthüllen.“ Ich war sprachlos und einen Moment lang glaubte ich, geträumt oder mich verhört zu haben. Der Hohepriester wiederholte genau die Worte, die Edison von seinem Meister vernommen und auch mir verkündet hatte. Der Dastur fuhr in einer mir fremden Sprache fort, um dann ins Englische zu übersetzen:

„Wenn die Finsternis droht, alles Helle versinkt Und die Liebe im Abgrund des Hasses ertrinkt …“
„Das ‚Kosmische Feuer’, das Gedicht von Ibn Arabi!“, rief ich erstaunt, es aus dem Mund des Hohepriesters zu vernehmen. ...


25 Ahriman

... Es starrte mich an und griff wie mit einer mächtigen schwarzen Hand nach mir, nach meinen Herzen, meinem Verstand und nach dem Pendel! Mit größter Mühe nur gelang es mir, meinen Blick abzuwenden.Hätte ich noch eine Sekunde länger gezögert, wäre ich sicher verloren gewesen. Wieder knallte ein ohrenbetäubender Donner über mir. Ich spürte, wie sich das Auge des Bösen mir näherte, aus schwindelnden Höhen herabsank und nun genau über mir war.

In diesem Moment völlig überraschend tauchte der Dastur vor mir auf. Wie war er hierher gekommen? Wie hatte er es geschafft, durch den Sturm und die Wolkenwand zu mir vorzudringen? Offenbar wusste er mich in höchster Gefahr und hatte seine verborgenen Kräfte eingesetzt, um mir zu helfen. Freundlich lächelnd, als ließen ihn die entfesselten Elemente und bösen Mächte rundherum unberührt, kam er auf mich zu und streckte mir die Hand entgegen.

„Komm! Gib mir das Pendel und dann lass uns fliehen!“ Ich war heilfroh über seine unerwartete Unterstützung im Kampf gegen diese schreckliche Übermacht. Doch als ich ihm das Pendel überreichen wollte und sein Blick darauf fiel, leuchteten Blitze der Gier in seinen Augen. Entsetzt zuckte ich zurück und drückte das Pendel an mein Herz. Im nächsten Augenblick verwandelte sich der Dastur in die hässlichste Gestalt, die ich je erblickt hatte und die jetzt rasend schnell größer und bedrohlicher wurde. Seine Augen loderten voll Zorn und Hass. In rasendem Entsetzen schloss ich die Augen und ...
Als ich die Augen in der Erwartung wieder öffnete, von dem Ungeheuer sogleich verschlungen zu werden, blickte ich geblendet in ein Feuer ...

_______





_______

©2003-2008 Synthesis-Verlag | Website: ALOHA-WebDesign~> | Quellennachweis